29.07.2009

Rätsel von Gryfino gelöst

Vom 16.- 19. Oktober 2004 führte der Landesverband der Schulgeographen- Regionalgruppe Rostock- eine Weiterbildungsexkursion in die Region Nordpolen durch. Im Zusammenhang mit der Behandlung des Nationalparks „Unteres Odertal" und dem Besuch der Stadt Gryfino, direkt am Osthang des Odertals gelegen, stand auch die Aufgabe, das so genannte „Rätsel von Gryfino" mit Hilfe des gesammelten Sachverstandes der Exkursionsteilnehmer aufzuhellen und einer Lösung näher zu bringen. Worum geht es bei diesem „Rätsel"?
Inmitten eines ca. 45- jährigen Kiefernbestandes auf einer der Sandterrassen des östlichen Odertalhanges, etwa 7 km südlich des Stadtzentrums von Gryfino, nahe der Straße 31, spielen auf einer Fläche von etwa 1500 m² die hier wachsenden Bäume scheinbar verrückt.
Ihr bizarres und schlangenförmiges Wachstum, welches häufig an einen auf den Kopf stehendes Fragezeichen erinnert, kontrastiert dermaßen scharf zum übrigen „normalen" Wald, dass nicht wenige Besucher des Nationalparks dieses Phänomen besichtigen und bei den versuchen, diese Erscheinung zu erklären, den abenteuerlichsten Spekulationen verfallen. (So ist unter anderem von der raffinierten Aufzucht spezielle gekrümmter Hölzer, von tragischen Naturkatastrophen und auch von magischen Kräften die Rede.)
Demgegenüber kamen die Exkursionsteilnehmer im Ergebnis einer ausführlichen Standortdiskussion zu folgenden Schlussfolgerungen: 1. Die kleinflächige Ausprägung des Sonderwuchsgebietes inmitten eines völlig normalen Bestandes sowie die räumliche Regellosigkeit der Schlangenwuchsformen schließen exogene Bodenfaktoren (Bodenfließen, Wind) als Ursache aus. Da alle Bäume des Gesamtbestandes gleichermaßen gesund und heil sind, können auch eine lokale Vergiftung über den Boden oder Wind- bzw. Schneebruch ausgeschlossen werden. 2. Die Stammdurchmesser der Bäume mit Schlangenwuchs sind etwas geringer als die des Normalbestandes; in der erreichten Höhe gibt es gegenüber dem Normalbestand nur eine sehr geringe Minusdifferenz. Allen Bäumen mit Schlangenwuchs ist gemeinsam, dass sie einen ca. 40 cm hohen Stumpf besitzen, der in seiner Stärke etwa dem Normalbestand entspricht und aus dem seitlich meist ein- seltener auch zwei- solcher schlangenwüchsigen Stämme herausgewachsen ist. Der obere Abschluss des Stumpfes ist waagerecht gerade und weist weder Wucherungen noch Verkrümmungen auf, so dass mit großer Wahrscheinlichkeit angenommen werden kann, dass er durch Absägen des Jungbaumes oberhalb der untersten Astreihe entstanden ist. 3. Aus der Anordnung des Fällschnittes sowie aus den geringen Differenzen im Höhen- und Dickenwachstum zwischen Normal- und Sonderbestand lässt sich die Annahme begründen, dass die Kappung der jetzigen Schlangenwuchsbäume zu einem Zeitpunkt erfolgt ist, als der Gesamtbestand eine etwa 6- 8 jährige Schonung war. 4. Der Umstand, dass diese Maßnahme ein großes Loch in der Schonung hinterlassen hat und in diesem Bestand einmalig geblieben ist, spricht für eine außergewöhnliche und vermutlich auch spontane Entscheidung. Da außerdem die Jungbäume flächenhaft gekappt worden sind, d.h. ob ein Jungbaum gekappt wurde oder nicht, hing weniger von seiner Beschaffenheit, sondern mehr von seiner Zugehörigkeit zu der Fläche ab, die zur Abholzung vorgesehen war, ergeben alle Beobachtungen zusammen genommen folgendes Szenario. Im Zeitraum Mitte bis Ende der sechziger Jahre ist hier in einem Winter eine größere Ladung Weihnachtsbäume zusammengestellt worden. Vermutlich war im nahen Szczecin in diesem Winter das Weihnachtsbaumangebot dermaßen hinter der Nachfrage zurück geblieben, dass kurzfristig auch mit Jungkiefern ein gutes Geschäft zu machen war (der Autor dieser Zeilen erinnert sich noch gut daran, dass in einem Winter dieses Zeitraumes infolge eines sehr frühen und außerordentlich schneereichen Wintereinbruchs hunderttausende Weihnachtsbäume im Thüringer Wald und Erzgebirge liegen geblieben sind und auch er mit einer Jungkiefer vorlieb nehmen musste), Bevor wir uns mit dem durch die besondere Art der Fällung hervorgerufenem Schlangenwachstum der nach gewachsenen Kiefern beschäftigen, wollen wir der Frage nachgehen, warum der damalige Eigner oder beauftragte Arbeiter überhaupt diese besondere Methode der Abholzung gewählt hat. Schaut man sich ein wenig in der forstwirtschaftlichen Literatur um, stößt man bald darauf, dass dieses „auf den Stock hauen“ in Mitteleuropa vom Mittelalter bis zum Ende des 19. Jahrhunderts eine verbreitete Methode war. Dabei ging es im Gegensatz zum Hochwald- und Schlagholzbetrieb, bei denen ausschließlich die Bau- und Brennholzgewinnung das Produktionsziel waren, um eine Betriebsform, die eine Kombination von Holzzucht und Landwirtschaft darstellte und in Deutschland als Baumfeldwirtschaft oder Waldfeldbaubetrieb bezeichnet worden ist. Die forstliche Komponente dieser Betriebsformen war die so genannte „Niederwaldwirtschaft“, die sich auf ausschlagfähige Laubbäume (Weide, Eiche, Linde, Erle) beschränkte. Diese wurden auf geeigneten Flächen in so großen Reihenabständen gepflanzt, dass man die Fläche dazwischen als Getreide- oder Grünland nutzen konnte. Nach 10 bis 40 Jahren wurde der Jungwald vollständig abgeholzt (aber auf den Stock gehauen) und anschließend durch Stockausschlag verjüngt. Nunmehr konnte man in regelmäßigen Abständen (Weide 1-2 Jahre, Eiche 15-20 Jahre, Erle 20-30 Jahre) die nachgewachsenen Triebe als Nutzholz ernten (z.B. Weidenruten, Eichenrinde für Gerblohe, Linde und Erle für, hauswirtschaftliche Geräte). Da für diese Verwendung die nachgewachsenen Junghölzer ausreichten bzw. notwendig waren, konnte man den Beschleunigungseffekt der Erntezyklen durch Stockausschlag voll nutzen. Diese Zusammenhänge mussten auch (dem Waldbesitzer bei Gryfino bekannt gewesen sein. Dadurch dass er die Weihnachtsbäume so abgenommen hatte, dass ein Stock mit ein bis zwei Seitentrieben stehen geblieben ist (unsere heimischen Nadelbäume sind nicht ausschlagfähig), hat er zwar auf einen späteren gerade gewachsenen Hochstamm verzichtet, dafür aber von der Holzmenge her den ungefähren Ausgleich mit dem übrigen Bestand bis zur Hiebreife gesichert. Die dabei für eine Kiefer notwendige Bedingung, das Herauswachsen aus dem Stock über einen bestehenden Seitentrieb zu sichern, ist auch zugleich Ursache für den merkwürdig anmutenden Schlangenwuchs eines so aufwachsenden Baumes, Sein Formenreichtum wird durch das Zusammenspiel folgender drei Faktoren ausschlaggebend bestimmt - Das Längenwachstum eines Baumes orientiert sich in der Gravitationskraft der Erde (Geotropismus). Im Idealfall steht ein Baum senkrecht und damit im Gleichgewicht. - Noch stärker- wird das Baumwachstum durch die Orientierung auf maximale Lichtausbeute für sein Blattwerk- gesteuert (Heliotropismus). Insbesondere in dichten Beständen wird über verstärktes Längenwachstum und eventuelle Richtungsänderungen versucht, die bestehende Lichtausbeute zu behalten oder zu verbessern. - Geo- und Heliotropismus werden über das Längenwachstum realisiert und über das Dickenwachstum stabilisiert und verfestigt, d .h. alle vollzogenen Richtungsänderungen sind irreversibel. In unserem Fall ergibt sich der erste große Bogen des scheinbar auf dem Kopf stehenden Fragezeichens dadurch, dass der stehen gebliebene Seitentrieb nach kurzem Weiterwachsen bemüht ist, in die senkrechte Wuchsrichtung zu kommen. Zwei unterschiedliche Kräfte zwingen ihn aber bald, die Krümmung über die Schwerkraftachse hinaus fortzuführen; zum einen das eigene Gewicht und zu anderen die abnehmende Lichtausbeute auf der dem Nachbarn zugewandten Seite (diese komplizierte Nachholbewegung erklärt auch, warum damals in der Fläche abgeholzt wurde, weil jeder- einzeln stehende Stock inmitten einer 8 Jahre älteren Schonung im Wetikampf um genügend Licht chancenlos geblieben wäre). Alles Weitere hat sich dann durch die mikrostandörtlichen Unterschiede zwischen den konkurrierenden Bäumen sowie deren ständige Veränderungen im Verlauf des „Aufholwachstums" ergeben. Insbesondere für die am Rand der ehemaligen Lichtung stehenden Nachwuchsbäume genügte der oben beschriebene erste Krümmungsbogen in der Regel nicht, um normal weiter wachsen zu können. Da sie sich mit wesentlich größeren Nachbarn auseinander zu setzen hatten, waren sie gezwungen, durch zusätzliche Drehungen und Richtungsänderungen ihre Lebensfähigkeit zu sichern. Somit erweist sich das, so genannte ,.Rätsel von Gryfino' als ein einmaliges und schutzwürdiges Objekt in der Kulturlandschaft des unteren Odertales. welches nicht nur an einen geschäftstüchtigen und klugen Nutzer erinnert„ sondern auch eine fast in Vergessenheit geratene Waldbewirtschaftungsweise - noch dazu in der innovativen Anwendung auf einen Kiefernwald- wieder lebendig werden lässt.
Dr. Heinz Niemann Siggelkow